al|ter|na|tiv|los

Aufbau

„alternativ” (zwischen Möglichkeiten die Wahl lassend) + „-los” (ohne) = Das Suffix schließt, was das Adjektiv noch offenhält – es tilgt den Spielraum, grammatisch, bevor ein Argument folgen kann.

Bedeutung · K

Alternativlos überführt eine politische Entscheidung in den Status eines Naturgesetzes. Es behauptet nicht, dass die gewählte Option die beste sei; es behauptet, dass es keine andere gibt. Begründungen starten Debatten; das Wort beendet sie und nimmt dem demokratischen Verfahren seinen Kern. Die Wahl entfällt. Das Wort klingt wie Nüchternheit, aber seine Wirkung ist ein Abbruch jeder Diskussion.

Andere Lesart · A

In Krisen gibt es keine theoretische Zeit. Die Euro-Zone stand 2010 an einem einzigen Wochenende vor dem Systemkollaps. Zeit, Alternativen zu prüfen, hatten die europäischen Institutionen nicht. Wer in dieser Lage von Alternativen spricht, beschreibt eine falsche Welt; stattdessen gilt die Sprache der Notaufnahme: handeln statt beraten. Dahinter steht eine Regierungslogik, die Entscheidungen nicht als ideologische Präferenz begreift, sondern als Analyse der Lage. Als Befund, dem Klarheit geschuldet ist, keine vorgespielte Offenheit. Nicht der Feind der Debatte. Ihr Abschluss.

Wortgefecht

2014

Kritisch

»Die Bundesregierung und die Koalitionen kennen beim Beschreiben gesellschaftlicher Zustände nur noch drei Aggregatzustände: Entweder ist es gut, oder es ist auf einem guten Weg, oder es ist alternativlos. Wir sagen Ihnen: Das, was die Koalition hier abliefert, ist weder gut noch auf einem guten Weg, und schon gar nicht – zum Glück – ist es alternativlos.«

Roland Claus (DIE LINKE) · (Claus, 2014)

2015

Kritisch

»Ich sage deshalb auch klar: Wir wollen Griechenland in der Euro-Zone halten, nicht, weil es alternativlos ist, sondern, weil es das Richtige ist, um Europas wirtschaftliche und politische Zukunft zu sichern.«

Sigmar Gabriel (SPD, Bundesminister für Wirtschaft und Energie) · (Gabriel, 2015)

2015

Affirmativ

»Das ist fast eine Mission Impossible, aber es ist alternativlos, weil die Menschen in der Ukraine, auch in Moldau und Georgien ihre Erwartungen erfüllt sehen wollen, dass die Europäische Union Freiheit bedeutet, auch Wohlstand und Rechtsstaat – ich kann vor Gericht gehen und Recht bekommen, auch gegen jemanden, der reicher und mächtiger ist. All das muss eingelöst werden, auch wenn es unter diesen Bedingungen fast unmöglich ist.«

Marieluise Beck (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) · (Beck, 2015)

2016

Kritisch

»Ich finde es übrigens durchaus ärgerlich, wie wir die meisten Gesetzentwürfe vom Text her aufbauen. Oben steht immer der Titel, etwa „Entwurf eines Asylverfahrensbeschleunigungsgesetzes”, unter A. kommen dann das Problem und das Ziel, unter B. die Lösung, und unter „C. Alternativen” steht: Keine. – Eigentlich lehrt die Erfahrung des Lebens: Es gibt immer eine Alternative. Handeln steht Unterlassen gegenüber und umgekehrt. Ich finde – das ist an uns gerichtet –: Wir müssen Politik deutlicher erklären und sagen, dass es zu Gesetzentwürfen eine Alternative gibt, möglicherweise auch eine politische Alternative. Wir müssen auch besser erläutern, warum wir uns für einen Weg entscheiden und der andere eben nicht zum Zug gekommen ist. Die beschriebene Alternativlosigkeit – das hatten wir in der vorangegangenen Debatte – müssen wir denen überlassen, die auf den Straßen populistische Sprüche skandieren und glauben, das Recht auf ihrer Seite zu haben oder im Besitz der richtigen alternativlosen Lösungen zu sein.«

René Röspel (SPD) · (Röspel, 2016)

2017

Affirmativ

»Deshalb steht für uns fest: Die Rückkehr zur Parität – die Wortwahl ist jetzt ganz bewusst – ist alternativlos. Vielleicht schaffen es ja Herr Laumann oder der Arbeitnehmerflügel der Union, bis zur Sommerpause den Rest ihrer Parteifreunde davon noch zu überzeugen.«

Sabine Dittmar (SPD) · (Dittmar, 2017)

2017

Kritisch

»Wir leben in Zeiten des Übergangs. Wie die Zukunft wird, darauf gibt es nicht nur eine Antwort. Da ist Zukunft nicht „alternativlos”. Im Gegenteil: Die Zukunft ist offen, und sie ist überwältigend ungewiss. Diese Offenheit, die bei den einen Hoffnung auslöst, jagt anderen Angst ein.«

Frank-Walter Steinmeier (Bundespräsident) · (Steinmeier, 2017)

2022

Affirmativ

»Aber ich will auch klar sagen: Es ist nicht in Ordnung und es ist vor allem auch nicht alternativlos, wenn die Landwirtin und der Landwirt von dem Euro, den der Kunde im Laden für das Schweinefleisch ausgibt, gerade einmal 22 Cent bekommt, meine Damen und Herren. Das ist einfach eine Sauerei. Das kann man ändern, das muss man ändern, und diese Koalition wird das ändern.«

Cem Özdemir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft) · (Özdemir, 2022)

2023

Kritisch

»Alternativlos – damit schließen Sie nahtlos an düstere Merkel-Politik und schräge Polit-Apodiktik an. Ich stelle fest: Mit einer AfD in Regierungsverantwortung hätten wir nicht nur diesen Tagesordnungspunkt heute Abend nicht, wir hätten gar kein energiepolitisches Problem zu lösen, meine Damen und Herren.«

Stephan Brandner (AfD) · (Brandner, 2023)

Mechanismen

  • Naturalisierung im Fokus: Das Suffix „-los” spricht das Urteil, das die Natur gesprochen haben soll. Grammatisch. Vor dem ersten Argument. Aus einer politischen Entscheidung, die Akteure hat, Interessen, Kosten und Alternativen, wird ein Sachzwang wie Schwerkraft. Was klingt wie Sachlichkeit, ist Ontologie: Die Entscheidung gehört nicht zu den Dingen, die man wählen kann. Das Wort naturalisiert nicht durch Bild oder Metapher, sondern durch Morphologie. Das Suffix erledigt die Arbeit, bevor der erste Satz vollendet ist.

  • Entpolitisierung: Naturalisierung ist der Mechanismus. Entpolitisierung ist seine Wirkung. Die Debatte, die stattfinden müsste, findet nicht statt. Nicht weil sie verboten ist. Das Wort erklärt sie für überflüssig. Jeder Einwand gilt seither als Unverständnis der Lage. Das Wort kehrt die Beweislast um: Nicht die Regierung rechtfertigt ihre Entscheidung. Wer zweifelt, muss belegen, dass eine Alternative existiert.

  • Inversion: Der Mechanismus liegt nicht im Wort selbst. Er entsteht im Kontext. Das Wort setzt die Regierung in die Position der Sachkundigen und die Opposition in die des Wunschdenkens. Der Einwand gilt nicht als politisches Argument. Er gilt als Unverständnis der Lage. Dass eine Partei sich explizit als „Alternative” benannte, zeigt die Tiefe der Inversion: Der Gegenbegriff musste als Eigenname institutionalisiert werden.

  • Ontologisierung: Nur im Kontext. Die Formulierung gilt morgen noch. Das Wort enthält kein Ablaufdatum. Nicht weil die Lage sich nicht ändert. Sondern weil die Grammatik keine Revision vorsieht. Was einmal alternativlos ist, wird Zustand.

Beck, M. (2015). Plenarprotokoll 18/97. Deutscher Bundestag.
Brandner, S. (2023). Plenarprotokoll 20/91. Deutscher Bundestag.
Claus, R. (2014). Plenarprotokoll 18/44. Deutscher Bundestag.
Dittmar, S. (2017). Plenarprotokoll 18/229. Deutscher Bundestag.
Gabriel, S. (2015). Plenarprotokoll 18/82. Deutscher Bundestag.
Özdemir, C. (2022). Plenarprotokoll 20/12. Deutscher Bundestag.
Röspel, R. (2016). Plenarprotokoll 18/155. Deutscher Bundestag.
Steinmeier, F.-W. (2017). Plenarprotokoll 18/223. Deutscher Bundestag.