Kli|ma|kle|ber

Aufbau

„Klima-” (das Anliegen) + „-kleber” (der Klebende; zugleich: der Klebstoff selbst) = Das Erstglied nennt die Ursache, das Grundwort nimmt den Menschen in Beschlag.

Bedeutung · K

Das Wort benennt den Aktivisten über seine auffälligste Aktion, nicht über sein Anliegen. Es macht aus dem Klimaschutz die Herkunft des Problems, nicht seinen Inhalt. Eine politische Forderung löst es damit aus dem Diskurs. Widerlegt hat es sie nicht.

Andere Lesart · A

Demokratische Grenzen gelten auch für dringende Anliegen. Wer die Straße blockiert, wählt als Adressaten nicht die Politik, sondern den Pendler, die Pflegerin, den Notarzt. Niemand hat sie beauftragt, im Namen aller zu handeln. Das Klimaproblem ist real. Die A1001 ist kein Verhandlungsort. Achtzig Prozent der Bevölkerung lehnen diese Methoden ab, darunter viele, die den Klimawandel ernst nehmen. Das Anliegen steht nicht in Frage. Die Methode schon.

Wortgefecht

2022

Affirmativ

»Seit circa einem Jahr machen Ihre Klimakleber und Museumsrandalierer vielen von uns das Leben schwer: blockierte Straßen, blockierte Autobahnen und Brücken, beschmutzte, besudelte Kunstdenkmäler und Kunstwerke, Sabotage und nun in Berlin die erste Tote. Was vielerorts und auch hier von ganz links bis zur CDU/CSU lange mit „Aktivismus” niedlich umschrieben wurde, ist nichts anderes als Klimaterrorismus in seiner reinsten Form.«

Stephan Brandner (AfD) · (Brandner, 2022)

2022

Kritisch

»Anders gesagt: Während sich die Union mit Strafen für Klimakleber beschäftigt, kümmert sich die Ampelkoalition um die großen Herausforderungen in diesem Land.«

Bengt Bergt (SPD) · (Bergt, 2022)

2023

Affirmativ

»Wir fordern Sie von der FDP in dieser Regierung auf: Stoppen Sie diesen grünen Firlefanz endlich! Fangen Sie endlich damit an, den Mittelstand zu entlasten, so wie Sie es in den vielen Wahlkämpfen versprochen haben, statt sich dieser grün-roten Klimakleber-Vorfeldorganisation zu ergeben! Entziehen Sie sich nicht selbst Ihre Existenzberechtigung! Unseren Antrag heute geben wir Ihnen dafür an die Hand.«

Enrico Komning (AfD) · (Komning, 2023)

2023

Kritisch

»Wenn man sieht, wie Sie mit Ihrer Kommissionspräsidentin umgehen, kann einem die Frau ja nur leidtun. Sie sind ja wie die Klimakleber vor Ihrem Büro und verhindern alles, was von der Kommission kommt. Sie stellen sich hierhin und tun so, als hätten Sie mit diesen Vorschlägen nichts zu tun. Ich gebe Ihnen recht: Der Vorschlag für die Euro‑7-Norm ist aus unserer Sicht so, wie er jetzt von der Kommission vorgelegt wurde, nicht zustimmungsfähig.«

Isabel Cademartori Dujisin (SPD) · (Cademartori Dujisin, 2023)

2024

Affirmativ

»Jeder Kriminelle, jeder Linksautonome und jeder Klimakleber wird behaupten können, es gebe eine strukturelle Fehlentwicklung bei der Polizei, sobald die Polizei ihn für sein strafbares Verhalten zur Rechenschaft ziehen will. Das ist keine Stellenbeschreibung für einen Unterstützer ordnungsgemäßer Polizeiarbeit. Das ist eine Stellenbeschreibung für einen Saboteur polizeilicher Arbeit.«

Steffen Janich (AfD) · (Janich, 2024)

2025

Affirmativ

»Diese Vorschläge hätten die Rote Hilfe, die Klimakleber, die Antifa oder die Hausbesetzer machen können, wenn sie ein Vorschlagsrecht für das Bundesverfassungsgericht gehabt hätten. Meine Damen und Herren, das ist der Sargnagel der Union. Sie sollten das „C” gegen ein „M” für Masochismus austauschen. So machen Sie Ihre Partei kaputt.«

Christian Wirth (AfD) · (Wirth, 2025)

Mechanismen

  • Entpolitisierung im Fokus: Das Kompositum vollzieht die Operation im Wortbau. „Klima-” ist grammatisch nur Modifikator, semantisch zur bloßen Herkunftsangabe zurückgestuft. „-kleber” ist das Grundwort und besetzt damit den Menschen. Es benennt den Klimawandel und erklärt ihn zugleich für sekundär. Was bleibt, ist kein politisches Subjekt, sondern ein Klebevorgang, der zu managen ist. Taktische Umbenennung braucht die Forderung nicht zu widerlegen. Es genügt, sie ins Erstglied zu verschieben.
  • Ontologisierung: Das -er-Suffix erledigt, wofür sonst Argumente nötig wären. Es macht die Einmaligkeit zur Kategorie. Die Handlung ist abgeschlossen. Die Zuschreibung bleibt haften. Das Wort gilt auch kollektiv: „die Klimakleber” ist eine stabile Entität, unabhängig davon, ob ihre Mitglieder noch kleben, aufgehört haben oder nie persönlich aktiv waren.
  • Kriminalisierung: Das Wort setzt keine strafrechtliche Qualifikation. Klebeaktionen können nach §240 StGB als Nötigung verfolgt werden; das Wort selbst codiert das nicht. Es öffnet aber den Anschluss. Es erscheint konsistent in Listen neben „Kriminellen”, „Antifa”, „Rote Hilfe”. Es ist harmlos genug für die Mitte. Der Kontext erledigt die Kriminalisierung.
  • Infantilisierung: Das Wort trägt eine kindliche Assoziation. „Kleber” ist im deutschen Sprachraum primär als Bastelkleber präsent. Auf eine Straße zu kleben hat etwas von Trotz: Man legt sich hin und kommt nicht weg. Die Assoziation ist nicht explizit. Sie ist im Wort hinterlegt.

Footnotes

  1. Berliner Stadtautobahn; Schauplatz wiederkehrender Klebeaktionen der Letzten Generation ab 2022.

Bergt, B. (2022). Plenarprotokoll 20/67. Deutscher Bundestag.
Brandner, S. (2022). Plenarprotokoll 20/66. Deutscher Bundestag.
Cademartori Dujisin, I. (2023). Plenarprotokoll 20/89. Deutscher Bundestag.
Janich, S. (2024). Plenarprotokoll 20/147. Deutscher Bundestag.
Komning, E. (2023). Plenarprotokoll 20/85. Deutscher Bundestag.
Wirth, C. (2025). Plenarprotokoll 21/18. Deutscher Bundestag.