Re| mi| gra| ti| on
Aufbau
„Re-” (Umkehrung) + „Migration” (Wanderung) = Deportation klingt wie Logistik – eine Fehlerbehebung, kein Angriff.
Bedeutung · K
Remigration tarnt Massendeportationen als Verwaltungsvorgang. Es lässt die geplante Vertreibung von Millionen als Notwehr erscheinen – als Abwehr eines Bevölkerungsaustauschs, den das Wort als Angriff setzt. Es macht die Herkunft zum einzigen Kriterium für die Zugehörigkeit. Die Aufenthaltsdauer und die Lebensleistung werden irrelevant. Es erfasst auch Menschen, die in Deutschland geboren wurden und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.
Andere Lesart · A
Ein Sozialstaat funktioniert nur als geschlossene Solidargemeinschaft. Wer ohne Beitrag einwandert und Leistungen beantragt, verändert das Versprechen, das diese Gemeinschaft zusammenhält – nicht aus Bosheit, sondern weil jedes offene System Anreize setzt. Die Migrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte hat diese Grenze aufgelöst: Das Ergebnis ist ein System, das mehr verspricht, als es tragen kann. Remigration ist keine Vertreibung – es ist die Wiederherstellung einer Grenze, ohne die Solidarität zur Beliebigkeit wird.
Wortgefecht
2018
Affirmativ
»Die einzig mögliche Lösung ist konsequente Remigration aller Nichtaufenthaltsberechtigter.«
– Frank Magnitz (AfD) · (Magnitz, 2018)
2023
Affirmativ
»Die Antwort lautet: Remigration, außereuropäische Asylzentren, Grenzschutz und friedlich-kreativer Protest gegen die anhaltende Massenmigration. Die Antwort lautet auch: Karl Martell1. So ist es folgerichtig, dass junge Patrioten von der „Revolte Rheinland“2 das arabische Straßenschild in Düsseldorf überklebten und die Straße nach ebenjenem Verteidiger des Abendlandes benannten.«
– Matthias Helferich (fraktionslos) · (Helferich, 2023)
2023
Affirmativ
»Kurzum: Wir brauchen Remigration, um die Wohnungsmärkte zu entspannen. Wer einmal migriert ist, der kann natürlich auch zurückmigrieren.«
– Roger Beckamp (AfD) · (Beckamp, 2023)
2024
Affirmativ
»Wir fordern seit jeher die Rückführung bzw. Remigration aller Migranten, die nach Recht und Gesetz keinen Schutzanspruch haben. Es geht dabei um rund 300 000 endgültig abgelehnte Asylbewerber und zudem um die Ausländer, die nur vorübergehend als Bürgerkriegsflüchtlinge Schutz genießen. Dieser Schutz endet, wenn der Krieg vorbei ist.«
– Bernd Baumann (AfD) · (Baumann, 2024)
2024
Kritisch
»Auch in Deutschland gibt es bereits seit Jahrzehnten rechte Netzwerke, die lange unterschätzt wurden. Ihre Vordenker hüllen ihre Absichten in beschönigende Verpackungen wie „Ethnopluralismus“3 oder „Remigration“. Aber es geht ihnen in Wahrheit darum, Menschen zu diskriminieren und zu drangsalieren – aufgrund ihrer Abstammung, ihres Aussehens, ihrer Herkunft oder ihrer Haltung – oder, wenn sie freie Hand hätten, gleich zu deportieren.«
– Nancy Faeser (Bundesministerin des Innern) · (Faeser, 2024)
2024
Kritisch
»Wenn Faschisten bei Geheimtreffen die Würde des Menschen und unsere Verfassung unterlaufen, wenn sie die Deportation von Menschen planen und wenn Rechtspopulisten diese Deportationspläne als „Remigration“ verharmlosen, dann ist es allerhöchste Zeit, aufzustehen und der Gefahr ins Auge zu sehen.«
– Gülistan Yüksel (SPD) · (Yüksel, 2024)
2025
Kritisch
»Und wie muss in den Ohren der Eltern des erstochenen marokkanischen Jungen, wie muss in den Ohren der Eltern des syrischen Mädchens oder wie muss in den Ohren der Pflegerin, die nach Magdeburg eingegriffen hat, die Verletzte betreut hat und danach rassistisch beleidigt und geschlagen wurde, diese Remigrations- und Rassismussprache der AfD klingen?«
– Robert Habeck (Bundesminister für Wirtschaft) · (Habeck, 2025)
2026
Kritisch
»Ich habe mich gerade mit Vertretern des Bundesverbands der Systemgastronomie getroffen. Die haben gesagt: Bitte, bitte, könnten mehr als nur die Grünen fordern, dass man ein vernünftiges Verhältnis zur Migration bekommt? Nicht Remigration, wir brauchen Einwanderung, weil wir Arbeitskräfte brauchen. So sieht es nämlich aus.«
– Katharina Beck (Bündnis 90/Die Grünen) · (Beck, 2026)
Mechanismen
- ● Euphemismus: Das Präfix „Re-” suggeriert eine Korrektur – als sei Migration ein Irrtum, der sich rückgängig machen lässt. Der bürokratisch-neutrale Klang des Kompositums installiert Massendeportationen als Verwaltungsvorgang: rationell, geordnet, unaufgeregt.
- ● Inversion: Die Anwesenheit der Betroffenen gilt als Angriff – ihre Vertreibung als Notwehr. Das Wort verschiebt die Rollen, bevor irgendein Argument geprüft wird: der Deportierte erscheint als Aggressor, der Deportierende als Verteidigter.
- ● Ethnisierung: Das Wort setzt Herkunft als einziges Kriterium für Zugehörigkeit. Was ein Leben sonst dazuzählt – Aufenthaltsdauer, Lebensleistung, Staatsbürgerschaft – zählt nicht.
- ◐ Quantifizierung: Menschen werden zur Verschiebemasse. Das Wort läuft im Diskurs mit Wassermetaphern zusammen – Flut, Strom, Welle – und macht aus Einzelnen eine Naturgewalt, die keinen Namen hat.
- ◐ Temporalisierung im Fokus: Das Wort tritt im Diskurs fast nie allein auf – es zieht apokalyptischen Zeitdruck nach sich: „letzte Chance”, „demografischer Kollaps”, „jetzt oder nie”. Nicht die Forderung selbst, sondern die Dringlichkeit ist das rhetorische Werkzeug. Wer den Ausnahmezustand deklariert, suspendiert die Abwägung: Unter Zeitdruck gelten andere Regeln. Die Dringlichkeit wird nicht beschrieben – sie wird produziert.
Footnotes
-
Karl Martell (688–741), fränkischer Hausmeier, besiegte 732 bei Tours und Poitiers ein arabisches Heer. Die Neue Rechte stilisiert ihn zum Verteidiger des christlichen Abendlandes gegen den Islam. ↩
-
Neonazistisches Netzwerk aus dem Rheinland, bekannt durch Aktionen wie das Überkleben arabischsprachiger Straßenschilder. ↩
-
Ideologisches Konzept der Neuen Rechten: Es ersetzt den Begriff „Rasse“ durch „Kultur“ und postuliert ethnische Homogenität als Grundlage jeder Gemeinschaft – mit dem gleichen Ergebnis in neuer Verpackung. ↩