Volks|ver|rä|ter

Aufbau

„Volk” (Bluts- und Schicksalsgemeinschaft, kein Staatsvolk) + „Verräter” (Auslieferer, Treuebrecher) = Das Wort setzt Mitgliedschaft voraus, um sie zu entziehen. Wer zum Volksverräter erklärt wird, war zuerst drin.

Bedeutung · K

Das Wort sitzt auf dem Gerüst von Volksvertreter – gleicher Klang, gleicher Rhythmus. Es muss nicht argumentieren: Die demokratische Form bleibt, ihr Inhalt ist umgekehrt. Das Suffix -er macht aus dem Verrat ein Wesen – wer Volksverräter ist, ist es dauerhaft, ohne Widerruf. Das Stammwort gehört zum Kriegsvokabular: Es setzt einen Krieg voraus, ohne ihn zu benennen, und schreibt die Strafe in den Begriff, ohne sie auszusprechen.

Andere Lesart · A

Ein gewähltes Amt ist ein Auftrag, kein Freibrief. Wer Politiken durchsetzt, die dem Willen seiner Wähler direkt entgegenstehen – in der Migrationsfrage, in der Außenpolitik, in der Sicherheit des Landes –, bricht diesen Auftrag: nicht aus Irrtum, sondern aus Entscheidung. Irrtum lässt sich korrigieren. Wer wissentlich gegen das eigene Volk handelt, hat die Kategorie des Irrtums verlassen. Wer das ausspricht, verteidigt – er pöbelt nicht.

Wortgefecht

2015

Kritisch

»Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir alle wissen, was derzeit in unserem Land los ist. Die Situation spitzt sich zu. Das Bundesministerium des Innern warnt, der Verfassungsschutz warnt, und das Bundeskriminalamt warnt. […] Vor der Wohnung des Dresdner Oberbürgermeisters, FDP, hat sich mehrere Stunden ein Mob versammelt und „Volksverräter” geschrien. – Das, was zwei Spitzenpolitiker in Sachsen erlebt haben, erleben viele Ehrenamtliche in Sachsen allerdings seit vielen Jahren.«

Michael Leutert (DIE LINKE) · (Leutert, 2015)

2016

Kritisch

»Auch der Ton im politischen Diskurs wird rauer und widerwärtiger. Viele Akteure in Politik, Medien oder Initiativen werden beschimpft und bedroht. Verunglimpfungen wie „Volksverräter” oder „grüne Zecke”, die ich persönlich am Rande von Legida-Demonstrationen regelmäßig höre, gehören dabei noch zu den harmloseren Beispielen.«

Monika Lazar (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) · (Lazar, 2016)

2019

Kritisch

»Im Bundestagswahlkampf 2017 beobachtete ich mehr oder weniger durch Zufall einen Transporter, der an einem meiner Wahlplakate anhielt. Jemand stieg aus, holte einen Aufkleber heraus, brachte ihn dort an, fuhr weiter und brachte weitere Aufkleber an. Auf diesen Aufklebern stand – ich bitte um Entschuldigung für diese Äußerung –: „Volksverräter”, „Kinderficker”, „Hurensohn”. Dieselbe Person hat im Anschluss AfD-Plakate aufgehängt.«

Christoph Bernstiel (CDU/CSU) · (Bernstiel, 2019)

2021

Kritisch

»Das zeigt sich auch, wenn man sich anschaut, welche Begriffe in den letzten Jahren zum Unwort des Jahres gekürt wurden – alles Begriffe, die in Ihrem Vokabular einen Stammplatz haben. Von „Klimahysterie” bis „Coronadiktatur”, von „Lügenpresse” bis „Volksverräter”: Sie nutzen Sprache, um zu diffamieren und zu beleidigen.«

Simone Barrientos (DIE LINKE) · (Barrientos, 2021)

2024

Kritisch

»Ein mutmaßlich mit Geld raschelnder Kollege vom rechten Rand dieses Hauses war ja eigentlich nur der beschämende Auftakt eines Bildes hinter den Kulissen dieser selbsternannten Patrioten, die so gerne „Volksverräter!” rufen, aber anscheinend für Geld aus den dunkelsten Ecken ihr Land verraten, und zwar sofort und ohne mit der Wimper zu zucken.«

Gyde Jensen (FDP) · (Jensen, 2024)

2024

Affirmativ

»Zum Schluss möchte ich noch zu einem Kollegen der CDU kommen. Kollege Gahler1 ist ein widerlicher Kriegstreiber. Der hat sich in seiner Rede Sorgen gemacht um das zerstörte Unterseekabel in der Ostsee. Dieser deutsche Volksverräter freut sich andererseits über die Zerstörung unserer deutschen Infrastruktur. Er hat sich über die Zerstörung von Nordstream 2 gefreut. Meine Damen und Herren, wer CDU wählt.«

Siegbert Frank Droese (AfD · ESN2, Europaparlament) · (Droese, 2024)

2025

Kritisch

»[…] eine Partei, deren Vertreter auf Demonstrationen sprechen, bei denen Puppen von Regierungsmitgliedern am Galgen hängen, eine Partei, zu deren Vokabular „Volksverräter”, „Kartell”, „Lügenpresse”, „Syndikat” neuerdings zum Standardrepertoire gehören.«

Lukas Benner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) · (Benner, 2025)

2025

Affirmativ

»Wer sich in Positionen begibt, die den Interessen unseres Landes entgegenstehen, der spielt mit der Sicherheit und der Zukunft unseres Landes, der ist – ich sage es ganz deutlich – kein Volksvertreter, sondern schlicht ein Volksverräter, liebe Kolleginnen und Kollegen.«

Heiko Hain (CDU/CSU) · (Hain, 2025)

Mechanismen

  • Inversion im Fokus: Das Wort sitzt auf dem Gerüst von Volksvertreter – gleicher Eingang, gleicher Rhythmus, fast gleicher Klang. Es braucht den demokratischen Begriff, um zu funktionieren: Die Form bleibt, der Inhalt ist umgekehrt. Aus dem, der das Volk vertritt, wird der, der es verrät – ohne ein Argument, nur durch den Klang. Das ist keine Beleidigung von außen: Es ist eine Übernahme. Das Wort lebt von der Institution, die es aushöhlt, und kann nicht ohne sie existieren – es braucht die Demokratie, um sie zu denunzieren.
  • Ontologisierung: Das Suffix macht aus einer Handlung ein Wesen. Nicht: jemand hat verraten. Sondern: jemand ist ein Verräter. Die Grammatik erledigt, wofür Argumente nötig wären. Was ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden.
  • Militarisierung: Verrat ist Kriegsvokabular. Wer verrät, liefert aus – er steckt mit dem Feind unter einer Decke, er ermöglicht den Überfall. Das Wort setzt einen Krieg voraus, ohne ihn zu benennen. Keine Abwahl ist die logische Konsequenz – Strafe ist es.
  • Ethnisierung: Das Kompositum setzt zwingend den ethnisch-biologischen Sinn von Volk ein. Nicht das Staatsvolk (Bürgergemeinschaft), nicht die Bevölkerung (statistische Menge) – sondern die Schicksals- und Blutgemeinschaft. Nicht im Wort codiert, aber in seiner Verwendungslogik unausweichlich: Wer das Volk so definiert, legt fest, wen man verraten kann und wen nicht.
  • Temporalisierung: Im Diskursfeld, in dem das Wort fast immer steht – Volkstod, Umvolkung, Überfremdung – ist der Volksverräter der Verantwortliche für einen Untergang, der gerade noch abwendbar ist. Die Apokalypse ist nicht im Wort selbst, aber der Begriff haftet an ihr.

Footnotes

  1. Michael Gahler (CDU), Mitglied des Europaparlaments seit 1999, langjähriger Berichterstatter für Ukraine-Unterstützung und NATO-Fragen. Droese bezeichnet ihn als Volksverräter, weil Gahler die Zerstörung der Gaspipeline Nord Stream 2 begrüßt hatte.

  2. ESN – Europa der Souveränen Nationen, rechtsextreme Fraktion im Europaparlament, gegründet 2024. Mitglieder u.a. AfD, Fidesz (Ungarn), Ruch Narodowy (Polen).

Barrientos, S. (2021). Plenarprotokoll 19/204. Deutscher Bundestag.
Benner, L. (2025). Plenarprotokoll 21/10. Deutscher Bundestag.
Bernstiel, C. (2019). Plenarprotokoll 19/107. Deutscher Bundestag.
Droese, S. F. (2024). Plenarprotokoll CRE-10-2024-11-26. Europäisches Parlament.
Hain, H. (2025). Plenarprotokoll 21/36. Deutscher Bundestag.
Jensen, G. (2024). Plenarprotokoll 20/166. Deutscher Bundestag.
Lazar, M. (2016). Plenarprotokoll 18/155. Deutscher Bundestag.
Leutert, M. (2015). Plenarprotokoll 18/140. Deutscher Bundestag.