Ü|ber|frem|dung

Aufbau

„über-” (Überschreitung eines unbenannten Schwellenwerts) + „fremd” (Andersartigkeit als Wesenseigenschaft) = das Präfix fällt das Urteil, das Stammwort benennt die Ursache – und die „-ung”-Endung gibt dem Ganzen den Klang eines Messbefunds, bevor ein Argument beginnt.

Bedeutung · K

Überfremdung setzt eine Grenze voraus, die es nicht benennt. Es trägt das Urteil im Präfix: zu viel – ohne Zahl, ohne Maßstab, ohne Beweis. Im Stammwort bestimmt es die Ursache: nicht eine Handlung, nicht ein Verhalten – Andersartigkeit selbst, als Wesen. Wer ein Verhalten anklagt, gibt dem Gegenüber eine Antwortmöglichkeit; wer ein Wesen benennt, nicht. Das Wort leiht sich die Grammatik einer Naturmessung – Überhitzung, Überflutung – und macht aus einer politischen Behauptung einen Befund, den man nur noch bestätigen oder leugnen kann.

Andere Lesart · A

Demokratische Gesellschaften haben ein Interesse an der Gestaltung ihrer eigenen Zusammensetzung. Sprache, geteilte Normen, soziales Vertrauen sind keine Abstraktionen – sie sind Substanz des täglichen Lebens. Wenn sie sich schneller verändern als Anpassung möglich ist, entsteht nicht Vielfalt, sondern Orientierungsverlust. Wer diesen Vorgang benennt, beansprucht keine Überlegenheit – er beansprucht Souveränität. Wandel ohne Konsens ist kein Fortschritt; er ist eine Entscheidung, die stellvertretend für andere getroffen wird.

Wortgefecht

2015

Kritisch

»Damals war die Zeit, als Pegida und die Hooliganszene anfingen, sich zu formieren, angeblich zum Schutz des Abendlandes vor Überfremdung. Das ist vielen schon wieder entglitten; das ist gar nicht mehr so sehr im öffentlichen Bewusstsein. Aber die Menschen, die sich an den Demonstrationen von Pegida in Dresden und andernorts beteiligt haben, sind immer noch da. Ich glaube nicht, dass sie ihre Meinung inzwischen geändert haben.«

Michael Leutert (DIE LINKE) · (Leutert, 2015)

2016

Kritisch

»Wenn wir uns unserer Stärken bewusst sind, wenn wir an die Kraft der Freiheit glauben, dann brauchen wir keine Angst vor Überfremdung unserer Gesellschaft zu haben. Wir müssen uns zusammen gegen jene stellen, die offene oder verdeckte Fremdenfeindlichkeit als soziale Politik etablieren wollen.«

Thomas de Maizière (Bundesminister des Innern · CDU) · (de Maizière, 2016)

2019

Kritisch

»In seinem späteren Kommentar zum Grundgesetz wurde noch argumentiert, dass eine Ausdehnung der deutschen Grundrechte auf Nichtdeutsche die Gefahr der Überfremdung bedeuten würde.«

Gökay Akbulut (DIE LINKE) · (Akbulut, 2019)

2023

Kritisch

»Diese Fraktion rechts außen sucht sich jeden Anlass aus, um mit einem ganz, ganz schlimmen bösen Begriff ein Horrorszenario an die Wand zu malen: Überfremdung, Entvölkerung, Gender-Gaga, Klimawahn oder jetzt Deindustrialisierung.«

Felix Banaszak (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) · (Banaszak, 2023)

2024

Affirmativ

»Aber Nawalny kämpfte auch gegen Überfremdung. Er hat nie vergessen, dass schon die Mörder der Oppositionellen Politkowskaja und Nemzow muslimische Handlanger des Regimes waren. Er kritisierte illegale Einwanderung und die Ausbreitung des Islam auf russischem Boden. Er kritisierte die damit einhergehende Kriminalität und religiöse Radikalisierung.«

Jürgen Braun (AfD) · (Braun, 2024)

2024

Affirmativ

»Sie wollen die Einwanderung in die Sozialsysteme nicht ernsthaft aufhalten. Sie wollen doch nicht ernsthaft die Überfremdung dieses Landes stoppen! Sie wollen auch die Bürger dieses Landes nicht schützen. Sie lieben dieses Land nicht! Was Sie lieben, ist Ihre Macht und Ihre Mandate, und das ist schäbig.«

René Springer (AfD) · (Springer, 2024)

2024

Kritisch

»Am besten würden die Kommunen auch gleich wieder eigene Maßeinheiten einführen. Dann könnten Sie auch endlich Schluss machen mit dieser „technischen Überfremdung”. Wobei: Ich frage mich dann schon, wann diese „Überfremdung” angefangen hat. Mit der Dampfmaschine oder vielleicht doch schon mit dem Webstuhl?«

Claudia Müller (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) · (Müller, 2024)

2026

Affirmativ

»Europa wird systematisch zerstört – sowohl in Frankreich wie auch hierzulande –, nämlich vor allem durch eine gezielte Deindustrialisierung im Namen des Klimaschutzes, eine massive Überfremdung im Namen von Gleichheit und Toleranz und durch Einschränkungen von Meinungsfreiheit und Demokratie.«

Alexander Wolf (AfD) · (Wolf, 2026)

Mechanismen

  • Naturalisierung im Fokus: Die „-ung”-Endung ahmt die Grammatik von Naturmessungen nach: Überhitzung, Überflutung, Überfrachtung beschreiben physikalische Zustände, die einen Schwellenwert überschritten haben – messbar, ohne politischen Akteur. „Überfremdung” übernimmt diese Morphologie und wendet sie auf ein politisches Phänomen an. Demographischer Wandel erscheint dadurch als Naturereignis: ein Zustand, der objektivierbar über eine Grenze getreten ist, kein Streitgegenstand. Die politische Behauptung wird zur Diagnose – und Diagnosen haben keine Partei. Wer dagegen ist, streitet nicht gegen eine Position – er leugnet eine Messung.
  • Ethnisierung: „fremd” ist kein Vorwurf – es ist eine Feststellung. Nicht was jemand getan hat, sondern was jemand ist. Wer das Fremde-Sein nicht leugnen kann, kann den Befund nicht anfechten. Das Wort setzt die Anklage ins Sein: nur Identität kann darauf antworten, kein Verhalten.
  • Quantifizierung: „über-” liefert das Urteil „zu viele” ohne Zahl, ohne Schwellenwert, ohne Argument. Das Paradox: Je konkreter eine Zahl wäre, desto angreifbarer wäre die Behauptung. Das Präfix hält das Urteil in einem Zustand, den keine Gegenzahl entkräften kann – weil keine Prämisse explizit formuliert ist.
  • Inversion: Im Verwendungskontext konstruiert das Wort die Gemeinschaft als passives Opfer eines aktiven Vorgangs: sie wird überfremdet. Migranten – strukturell oft in vulnerabler Position – erscheinen so als Agenten eines Schadens, der der Mehrheitsgesellschaft widerfährt. Die Grammatik bereitet diese Umkehrung vor: „Überfremdung” hat kein benennbares Subjekt – der Schaden geschieht, ohne dass ein Handelnder sichtbar wäre.
Akbulut, G. (2019). Plenarprotokoll 19/101. Deutscher Bundestag.
Banaszak, F. (2023). Plenarprotokoll 20/133. Deutscher Bundestag.
Braun, J. (2024). Plenarprotokoll 20/153. Deutscher Bundestag.
de Maizière, T. (2016). Plenarprotokoll 18/174. Deutscher Bundestag.
Leutert, M. (2015). Plenarprotokoll 18/121. Deutscher Bundestag.
Müller, C. (2024). Plenarprotokoll 20/172. Deutscher Bundestag.
Springer, R. (2024). Plenarprotokoll 20/154. Deutscher Bundestag.
Wolf, A. (2026). Plenarprotokoll 21/55. Deutscher Bundestag.